Barranquilla abseits der Blase – Villas de la Cordialidad

Kolumbien ist ein sehr ungleiches Land. Doch weder Touristen, noch besser gestellte Einheimische bekommen mit, wie es am Boden der Gesellschaft aussieht. Deshalb habe ich mich mit einer Organisation zusammengetan, um die Blase zu verlassen und die ärmeren Viertel Barranquillas zu erkunden.

IMG_6014Villas de la Cordialidad ist eine isolierte Gemeinde im Süden Barranquillas. Abseits des Stadtgebiets hat die kolumbianische Regierung hier Wohnblöcke für diejenigen errichtet, die ansonsten nicht wissen wohin. Die Menschen, die hier leben, kommen aus verschiedenen Teilen Kolumbiens und Venezuelas. Sie sind vor unerträglichen Verhältnissen auf dem Land, im Dschungel oder in der Heimat geflohen, stehen jetzt aber nicht wirklich besser da. Am Eingang zum Komplex steht ein Schild: „Die Regierung Santos liefert“ und „alle für ein neues Land“ ist darauf in bunten Farben zu lesen.

Die Gemeinde wurde mitten in einem Industriegebiet errichtet. Nur einen Kilometer entfernt liegt eine „Zona Franca“, eine Freihandelszone, in der nur geringfügig Zölle und Abgaben an den kolumbianischen Saat anfallen. Direkt neben den Wohnkomplexen von Villas de la Cordialidad ragen die Türme einer Zementfabrik auf. Der Staub und die Dämpfe, die herüberwehen, greifen nicht nur den Putz an den Wänden an, sondern machen zusätzlich zu der drückenden Hitze das Atmen schwierig. Eine weitere Fabrik ist nicht weit entfernt geplant, die Bedingungen werden also nicht besser.

Die Gemeinde besteht aus sechs Komplexen, in jedem befinden sich 200 Apartments auf fünf Stockwerken. „Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen Nachbarn“, erzählt uns der Polizist, der Sozialarbeiter Fernando, Ivan den Leiter der Fundación REC Caribe, einen Künstler aus Baranquilla und mich durch die Wohnblöcke begleitet. Kein Wunder, bei vier Familien auf einem Stockwerk.

Während Ivan und Fernando mit den Vertretern des Konzils der Gemeinde über Möglichkeiten sprechen, hier einige Projekte zu realisieren, unterhalte ich mich mit den Kids, die uns schon seit wir angekommen sind folgen. Einer von ihnen ist der 10 jährige Jose Manuel*. Seine Familie kam aus Venezuela nach Kolumbien und ist letztendlich in Villas de la Cordialidad gelandet. Aufgeweckt und neugierig fragt er mich aus: „Wo kommst du her? Was heißt dies und das auf Deutsch oder Englisch?“ Und so weiter. Er und seine Freund umringen mich, bewundern die Kamera und meinen Deutschen Ausweis und fragen mir Löcher in den Bauch. Kinder sind überall gleich, egal in welchen Verhältnissen sie aufwachsen.

Schlechte Verhältnisse

IMG_6054Die Verhältnisse hier sind sicherlich nicht die besten. Die Schule ist weit entfernt und ein Teil der Kinder wird jeden Tag schon vor fünf Uhr morgens mit dem Bus abgeholt. Nach Hause kommen sie schon um 12 Uhr. Nachmittags wird ein weiterer Teil abgeholt. Wenn die Familie den Bus allerdings nicht bezahlen kann, bleibt der Nachwuchs Zuhause. Ein großes Problem in Villas de Cordialidad sind auch Drogen. Wir bekommen zwar keine Abhängigen zu sehen, doch der Polizist versichert uns, dass es sie gibt und sie auch auf die Kleinen Einfluss haben. „Teilweise ist das das einzige, was sie von ihren Eltern lernen“, meint er resigniert.

In einem der Blöcke hat sich vor einem Apartment eine große Traube Menschen gebildet. Die „Fundación Antonio Nariño“ hat Lebensmittelpakete geschickt, darunter spezielle Nahrung für Kinder aller Altersstufen. Fast geordnet wartet die Menge junger Frauen, auf ihre Rationen. Der Kopf der Gemeinde, Maria*, und ihre Helferinnen sorgen dafür, dass alle etwas abbekommen. Sie hat nicht viel Zeit, doch sie bittet Fernando und Ivan am Nachmittag wieder zu kommen. Die Mitglieder des Konzils treffen sich mit Vertretern des CDI, einer Organisation des kolumbianischen Staates, die hier eine kleine Bibliothek bauen wollen. Sie sind besorgt, denn anscheinend will die „Fundación Comité para la Democratización de la Informática“ die Bibliothek nicht der ganzen Gemeinde zur Verfügung stellen, sondern nur für die eigenen Zwecke nutzen.

Nach der Versammlung am Nachmittag wollen Ivan und Fernando also mit Maria über die Projekte sprechen, die sie in Villas de la Cordialidad realisieren wollen. Es geht um die Wand des Unterstandes für die Mülltonnen. Fernando arbeitet schon länger in der Gemeinde und möchte zusammen mit einem Grafittikünstler aus Baranquilla und den Kindern genau diese Wand bemalen. Die Mauer soll als Zeichen des Zusammenhalts und der Solidarität in der Gemeinde von den Bewohnern selbst mitgestaltet werden. Während für Fernando eher die Arbeit mit den Kindern im Vordergrund steht, hat Ivan vor allem die Ziele seiner Organisation im Blick. Er will Villas de la Cordialidad lebenswerter machen. Konkret denkt er darüber nach Bäume zu pflanzen und kleine Gemüsegärten einzurichten. Platz wäre in jedem Fall genug vorhanden.

Zu gefährlich?

Die Bewohner von Villas de la Cordialidad sind den Sozialarbeitern gegenüber sehr aufgeschlossen. Sie freuen sich über jeden, der in ihre Gemeinde Zeit und Geld investieren will. Sie sind auf Hilfe angewiesen, was auch die Essenspakete der andere Fundación beweisen. Trotzdem hat man uns jetzt gestoppt. Angeblich ist „Villas de la Cordialidad“ doch zu gefährlich und das Projekt zu aufwendig oder zu teuer. Ich habe davon zwar nichts gespürt und finde es schade, aber ich hoffe als Freiwilliger für den Cedesocial nochmal dorthin zurückkehren und ein bisschen mit Jose Manuel* quatschen zu können.

IMG_6063Unsere erste Skizze bleibt jetzt für ewig an der Wand. Ähnlich zynisch wie das Plakat am Eingang wirkt das „En Proceso“, das Fernando und sein Künstler – Kumpel schon an die Wand gesprüht haben, jetzt, da klar ist, dass sie das Projekt nicht realisiert dürfen. Etwas sinnbildlich für Kolumbien, denn vieles hier scheint ewig unabgeschlossen.

*Alle Namen geändert

 

 

 

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