Bocas de Ceniza – Sechs Meter Festland

Bocas de Ceniza ist einer der interessantesten Orte Barranquillas. Hier auf der 12 Kilometer langen Landzunge, die das karibische Meer und den Rio Magdalena voneinander trennt, ist die soziale Schere Kolumbiens so offensichtlich, wie nirgends.

Abwesend malt sie mit den Händen im schmutzigen Sand. Als ich vorbei gehe und kurz stehen bleibe, schaut sie scheu zu mir auf, macht dann aber ganz in Ruhe weiter, den Dreck vor ihren Füßen zu durchwühlen. Das kleine Mädchen – sie ist höchstens drei Jahre alt – sitzt mitten auf dem Weg, der bis hinaus zu einem der wohl spektakulärsten Orte Barranquillas führt. Drei Meter zu ihrer rechten rollen die Wellen des karibischen Meeres heran, links von ihr schieben sich die braungrünen Massen des Rio Magdalena vorbei.

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Wir wandern auf der Landzunge Bocas de Ceniza. Laut eines Einheimischen ragt der Finger 12 Kilometer ins Meer hinaus. Etwa sechs bis acht Meter Sand, Felsen und Müll trennen hier die Wasser des Rio Magdalena und der karibischen See. Das erste Stück der Strecke können Besucher entweder auf einem Motorrad, oder auf Schienen zurücklegen. Die kleinen Wagen werden von einem stinkenden Benzinmotor angetrieben und zuckeln gemächlich, aber laut, auf die Landzunge hinaus. Die Schienen sind teilweise schon komplett weggerostet und an einer Stelle hebeln Fahrer und Assistent das Gefährt mit einem großen Holzpflock zurück auf den Treck.

105 Menschen

Doch Bocas de Ceniza ist nicht nur ein Ausflugsziel. Hier lebt auch eine kleine Gemeinde aus 105 Menschen in einfachsten Verhältnissen. Es gibt keinen Strom und auch kein brauchbares Süßwasser. Der Rio Magdalena führt hier nämlich schon den Dreck ganz Kolumbiens mit sich. Hin und wieder schieben sich riesige Frachter an den Hütten aus Treibholz und Müll vorbei. Sie zeugen von der wirtschaftlichen Bedeutung Kolumbiens.

Ich habe bis jetzt keinen Ort gesehen, in dem die kolumbianische Schere so deutlich zu sehen ist. Blickt man vom Leuchtturm Richtung Festland, vorbei an den Hütten und vorbei an dem kleinen Mädchen, das im Dreck spielt, sieht man die riesigen Wolkenkratzer von Buenavista im Dunst aufragen. Während dort in Luxusrestaurant und amerikanischen Fastfood – Ketten gespeist wird, zerlegt der Vater des Kindes auf einem Felsen den Fang des Tages. Einige Fische, die als Abendessen schon für die Kleine mickrig wirken.

Fischfang und Stolz

Hier auf Bocas de Ceniza lebt man vom Fischfang. Angeln gibt es allerdings keine. Mit langen Leinen, an denen mehrere Köder befestigt sind, fischen dreiMänner auf einem Felsen kurz nach dem Leuchtturm. Einer hat an seiner Leine eine gefüllte Plastikflasche und einen Drachen befestigt.  Die Konstruktion hilft, die vielen Köder im Wasser zu halten und sorgt gleichzeitig davor, dass sich die Schnur nicht in den Felsen verfängt.

Trotz aller Schwierigkeiten scheinen die Bewohner ein wenig stolz auf ihren besonderen Lebensraum zu sein. Über einigen der provisorisch zusammen gezimmerten Hütten hängen Schildern. Fischer. Auf einem steht: „Dank der Fischerei und mit der Hilfe Gottes konnte ich hier meine Kinder groß ziehen.“ Durch europäische Augen betrachtet, unvorstellbar.

Wenn man Bocas de Ceniza gegen Abend wieder verlässt und sich auf die Suche nach einem Taxi macht, fällt einem Sofort die verstärkte Präsenz der Militärpolizei auf. Alle 20 Meter steht ein junger Beamter, bewaffnet mit Pistole und Sturmgewehr. Einen von ihnen fragen wir schließlich, warum sie da sind. Wir glauben an eine wichtige Lieferung oder den Konvoi eines Politikers. Aber nein: „Hier gibt es Tourismus und in der Vergangenheit gab es hier viele Überfälle“, erklärt uns der Polizisten. Anscheinend ist auch Las Flores, das Viertel im Schatten der Wolkenkratzer Buenavistas, nicht sicher.

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