Titel Choco

Cojup, Choco und Quillcayhuanca – Cordillera Blanca bei Huaraz

Wandern in den peruanischen Anden. Drei Tage lang war ich diese Woche in der Cordillera Blanca, in der Nähe von Huaraz unterwegs. Protokoll eines interessanten und wunderschönen Trecks bis auf den „Paso de Choco“, 4850m über nN.

Zugegeben, zu Anfang war ich recht skeptisch, was Montrek und die Tour über den „Paso del Choco“ anging. Das Chaos am Tag vor dem Treck und die schlechten Bewertungen auf Tripadvisor hatten mir die Vorfreude irgendwie versaut. Doch während ich diese Zeilen auf 4300m – in unserem ersten Camp – in mein kleines Buch kritzelte, war ich sehr froh, nicht gecancelt zu haben, obwohl ich kurz davor war. Es hätte besser kommuniziert werden müssen, dass es weder ein Paktier noch Träger geben würde, so wie auf dem bekannten Santa Cruz Treck üblich. Allerdings habe ich kein Problem damit, meinen Graffel selbst zu schleppen. Tatsächlich fühlt es sich sogar besser an, als einem Armen Esel, oder schlimmer, Peruaner dabei zuzusehen, wie er sich mit Zelten und Kochgeschirr abmüht.

Am vergangenen Mittwoch ging es also los. Punkt 8:00 standen ich und meine zwei Mitstreiter, ein peruanisch – israelisches Paar, vor dem Büro von Montrek. Hier lernten wir nicht nur unseren Guide Felix kennen, sondern bekamen auch Zelte und Verpflegung und ich erfuhr hier zum ersten Mal, dass ich das Equipment selbst tragen würde. Zu Anfang war Felix noch sehr schweigsam, doch er taute schnell auf und ich kann den schlechten Bewertungen der Guides von Montrek hier nur wiedersprechen. Er hielt die Gruppe während des gesamten Trecks zusammen, zeigte uns den Weg, kochte passabel und erwies sich schnell als Experte, was die Cordillera Blanca angeht. Außerdem war es beeindruckend zu sehen, wie der kleine, wettergegerbte Peruaner einen Rucksack trug, der ihm stehend sicherlich bis an die Brust gereicht hätte. „Früher bin ich mit 70 Kilo im Huayhuash herumgelaufen“, meinte Felix dazu nur.

Zu Anfang des Trecks ging es auf einer frisch gebauten Fahrstraße (für uns eher Feldweg) die Quebrada Cojup entlang. Durch das Tal zu wandern war einfach, denn es ging noch nicht wirklich bergauf und trotzdem wunderschön, mit der Sicht auf die vereisten Steilhänge des Nevado Ranrapalka. Nach knapp drei Stunden begann schließlich die schwierige Etappe des ersten Tages. Nachdem wir uns auf mehr oder weniger flachem Terrain ausgeruht hatten, hieß es jetzt: 300m aufsteigen bis zum ersten Camp. Da unsere Peruanerin mit dem Steilhang so ihre Differenzen hatte, brauchten wir hierfür knapp zwei Stunden. Ich hatte so wenigstens Zeit viele tolle Fotos zu schießen. Der Aufstieg sollte sich lohnen. Direkt gegenüber von unserem Camp ragte der verschneite und fast perfekt spitz geformte Gipfel des Nevado Valluna auf. Zusätzlich konnten wir das gesamte Cojup – Tal Richtung Huaraz hinabblicken.

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Nach einer unruhigen Nacht begann der zweite Tag nicht nur kalt, sondern auch später als erwartet. Die Kühe, die sich im Camp aufhielten, hatten mich immer wieder aufgeweckt. Einmal hatte ich sogar das Gefühl, dass eine an meinem Zelt knapperte. Frierend und noch verschlafen kroch ich aus meinem Zelt, nur um festzustellen, dass sowohl die Plane meiner Bescheidenen Behausung, als auch der Boden mit einer dünnen Eisschicht überzogen waren. Auf 4300m wahrscheinlich kein Wunder und jetzt war mir auch klar, warum ich die ganze Nacht ein wenig gefroren hatte. Felix drängte zum Aufbruch, denn er hatte Grund zu befürchten, dass meine Begleiter es nicht in angemessener Zeit auf den Pass schaffen würden.

Dank einer Mischung aus Unwillen, fehlender Fitness und Höhenkrankheit brauchte der Rest der Gruppe auch fast drei Stunden bis auf den Choco Pass. Irgendwann beschloss ich, meiner Begleiterin den Rucksack abzunehmen, um ihr den durchaus schwierigen und steilen weg ein wenig leichter zu machen. Doppelt bepackt kam ich trotzdem deutlich früher am Pass an und konnte die Zeit nutzen, um Fotos von der atemberaubenden Aussicht auf die umliegenden Nevados zu schießen. Nachdem ich dann auch noch Ibuprofen an die anderen Teilnehmer des Trecks zu verteilen hatte, fühlte ich mich endgültig wie eine Mischung aus Assistenzguide und Paktier, hatte damit aber eigentlich kein Problem. Auch während des Abstiegs vom Pass war ich doppelt bepackt und trotzdem doppelt so schnell.

Letztendlich brauchten wir zwei Stunden länger bis zum zweiten Camp, als laut Guide normal. Aber wir schafften es vor der Dunkelheit und während Felix uns lecker Pasta kochte, kam ich mit ihm ins Gespräch. Schon den ganzen Tag hatten wir uns über belangloses unterhalten (Deutschland – Peru), doch abends packte er die interessanten Stories aus. Unser Guide erzählte von seiner Zeit im peruanischen Dschungel und wie er seine Frau zur Geburt seines ersten Sohnes zwei Stunden durch den Wald getragen hatte. Anscheinend wollte das Kind früher kommen, als geplant und Felix musste die Strecke zum nächsten Ort zu Fuß zurücklegen. Angetrieben von der Frau in den Wehen auf seinem Rücken eilte er also durch den peruanischen Urwald. Sie schafften es geradeso und Felix Sohn ist mittlerweile Mitte 20 und arbeitet für die Nationalbank.

Während wir uns schließlich ein Sandwich teilten, wurde es richtig interessant. Felix gestand, dass er in seiner Zeit im Dschungel – in den 80ern – Kokain Rohmasse nach Kolumbien verkaufte. Über den privaten Flugplatz seines Bruders wurde das Produkt zu Pablo Escobars Zeiten über die Grenze gebracht. „Die Kolumbianer zahlten gut“, erklärte mir Felix, „sie kamen mit Paletten voller Dollarscheinen.“ Ich musste an einige Szenen aus der Netflix Serie „Narcos“ denken und sehe die Dollarscheine vor meinem inneren Auge regnen. Seit mittlerweile 20 Jahren führt Felix jetzt Touristen durch die Cordillera Blanca. „Natürlich“ sei es besser Bergführer zu sein, meint er, obwohl man dabei lange nicht so viel Geld verdient. Mittlerweile lebt der 51jährige mit seiner Ehefrau und dreien seiner vier Kindern in Huaraz.

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Der letzte Tag der Tour war landschaftlich wieder wunderschön, allerdings nicht mehr anstrengend. Leicht bergab ging es durch die Quebrada Quillcayhuanca zum Meiler Pitec, an dem uns schon ein Toyota Kombi erwartete, um uns zurück nach Huaraz zu fahren. Im Ganzen hatte sich die Tour wirklich gelohnt, nur der Preis von 300 Soles ist vielleicht etwas zu hoch, dafür, dass man sein gesamtes Equipment selbst schleppen muss.

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Tipps und Tricks:
  • In Huaraz gibt es unzählige Firmen, die Trecks in der Cordillera Blanca organisieren. Von zwei bis 10 Nächte kann man alles machen. Es lohnt sich allerdings Preise zu vergleichen.
  • Unbedingt ordentlich akklimatisieren. Gute Möglichkeiten hierfür sind die Wanderungen zur Laguna Churup (sehr empfehlenswert) und zur Laguna 69.
  • Wer sein Equipment nicht tragen möchte kann den Santa Cruz Treck gehen. Hier gibt es Esel und Paktiere, außerdem sind die Gruppen größer und die Wanderung einfacher.
  • Nach Huaraz kommt man von jeder größeren Stadt in Peru direkt. Von Lima aus sind es 8 Stunden.
  • Wer unbedingt einen zertifizierten Bergführer möchte und spektakuläreres vor hat, wendet sich an die „Casa de Guias“ in Huaraz. Allerdings verlangen ausgebildete Guides über 100 Dollar am Tag und kochen normalerweise nicht für ihre Gäste.
  • Die Wanderung über den „Choco“ kann man auch ohne Guide gehen, allerdings ist eine ordentliche Karte (DAV) dafür unbedingt notwendig. Außerdem sollte man auf keinen Fall alleine unterwegs sein. Rettung hier ist schwierig und man kann sich durchaus verirren.