Drei Monate Kolumbien – Ein persönlicher Rückblick

Mittlerweile bin ich schon drei Monate in Kolumbien und genieße die Zeit hier sehr. Ich weiß, dass die meisten Texte bis jetzt eher Reportagen waren und wenig Persönliches hatten. Deshalb wird jetzt rekapituliert. Persönlich und unverblümt ehrlich.

In meinem ersten Artikel dieser langen Reise, habe ich versucht zu beschreiben, wie es sich anfühlt, fast neun Monate in Südamerika vor sich zu haben. Die Überschrift „Unter Wilden“ war damals bewusst provokant gewählt. Wer sich allerdings mal Gedanken darüber macht, wird feststellen, dass wir trotz unserer Weltoffenheit oft denken, dass es in weniger entwickelten Ländern zugeht „wie bei den Wilden.“ Natürlich sind die Ansichten und Vermutungen, die wir aus unseren deutschen Federbetten heraus kundtun, oft leicht übertrieben oder gleich komplett daneben.

So ist es auch mit Kolumbien. Keiner kann die Probleme dieses Landes abstreiten und ich habe auch immer wieder darauf hingewiesen. Mittlerweile bin ich aber tatsächlich angekommen. Ich bewege mich frei und unbeschwert, nahezu wie in Deutschland und manchmal grenzt meine Sorglosigkeit sicherlich an Naivität, doch das ist mir egal. Der Anfang war schwer und auch jetzt denke ich immer wieder wehmütig an Zuhause. Doch ich will die Erfahrungen hier nicht missen und fühle mich wirklich wohl.

Baranquilla…

Jetzt ein paar aktuellere Worte zu Baranquilla. Ich muss zugeben, dass mich diese Stadt als ich angekommen bin, doch fasziniert hat. Klar, es war kurz vor dem Carnaval. Zu dieser Zeit ist Baranquilla lebendig wie nie. Feiern auf der Straße und Umzüge vor internationalem Publikum. Das gibt es hier nur einmal im Jahr. Direkt nach dem Carnaval hat sich das Leben hier aber beruhigt und ich glaube es wäre tatsächlich langweilig, wenn wir Austauschstudenten nicht jeden Abend etwas unternehmen würden. Trotzdem denke ich gerne an meine ersten Wochen hier zurück. Noch immer habe ich den Abend im Kopf, an dem wir ausgelassen vor einem Riotvan der kolumbianischen Polizei getanzt haben.

…und die Costeños.

Zu den Menschen hier kann ich nur sagen, dass mich die Offenheit und Freundlichkeit der Kolumbianer und besonders der Leute hier an der Küste, immer wieder verblüfft. Mittlerweile unterhalte ich mich mit einem der älteren Männer, die abends auf meinem Weg zum Bus auf einem kleinen Mäuerchen sitzen, immer wenn ich vorbei komme. Von Anfang an hat er mich gegrüßt. Ich dachte zu Anfang er wäre einer der vielen, die einfach dem „Gringo“ hinterher rufen, doch so ist es nicht.

Auch zu den Mädels hier könnte ich vielleicht etwas sagen. Wie so oft in Südamerika, finden auch Kolumbianerinnen Europäer und Amerikaner anscheinend interessanter, als Einheimische. Das sehe ich bei vielen Jungs aus der Austauschgruppe, die sich immer wieder kleinen Techtelmechtel hingeben. Selbst habe ich ja auch nichts dagegen, neue Leute kennen zu lernen, bin aber frisch und glücklich vergeben. Außerdem ist jede, die mir über eine(n) Freund(in) ausrichten lässt, dass sie mich gerne kennen lernen würde, von Anfang an unten durch. Das passiert hier leider viel zu oft und macht mich wahnsinnig. Wer mich kennen lernen will, kann mich gerne ansprechen, das aber nur selbst und direkt.

Sorry Uninorte

Und jetzt zur Bildung hier in Kolumbien. Dass ich mit der Universidad del Norte nicht ganz einverstanden bin, schien ja schon in meinem ersten Bericht vom Campus durch. Ein Freund von mir umschreibt die Situation an der Uni sehr treffend so: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Damit hat er mehr als Recht. Der Schein ist hier wichtiger, als das was dahinter steht. Es geht damit los, dass man seine Ausländer hier anscheinend gerne präsentiert. In unseren Spanische Kursen sollte wir zum Beispiel vor einer Kamera von unseren Erlebnissen während er Semana Santa erzählen. Daraus bastelt die Uni mit Sicherheit im Moment ein tolles Promo – Video.

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“

Das Sprichwort trifft leider in so vielen Bereichen an der Universität zu. Richtig sauer wurde ich, als ich in der so prestigeträchtigen Bibliothek auf dem Campus kein einziges Englischlehrbuch finden konnte. In meinen Augen kann es nicht sein, dass die Studenten hier bis zu 4000 Dollar pro Semester bezahlen und man ihnen in der Bib anschließend ein einziges, popliges „Oxford“ Diccionary bietet.

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Vor allem auf die Sportanlagen an der Uni trifft das zu. Ein tolles Coloseo für die Volleyballer und Basketballer, Racketballhallen, Tennis und Fußballplätze und die Möglichkeit immer Zubehör zu leihen. Klingt ja wirklich gut. Probleme: Die Volleyballmannschaft, mit der ich zu Anfang des Semesters noch gespielt habe, hat die Sporthalle kaum mehr zur Verfügung. Training findet also fast nie statt. Fürs Racketball gibt es nur vier Schläger, aber keine Bälle zu leihen. Und als wir Tennis spielen wollten, hatte das Büro nur noch einen intakten Schläger für uns. Alleine spielt es sich aber nun mal schlecht.

Still to come

Als nächstes plane ich endlich einen Beitrag über die verschiedenen indigenen Kulturen zu schreiben, die ich während meiner Zeit hier kennen lernen durfte. Außerdem steht noch ein Beitrag über Gewalt in Kolumbien aus, den ich mit Inhalten aus meinem Politikkurs füttern will und ich möchte mich mit dem Wort „Espantajopo“ auseinander setzten. Was das bedeutet erfahrt ihr, wenn ich soweit bin. Bis dahin wird hoffentlich der ein oder andere Artikel von mir auf kolumbienblog.com erscheinen. Peace out und #freeböhmi, wir – oder besser ihr – habt im Moment anderen Probleme Zuhause.

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