Enttäuschung – Espacio Publico

Ich weiß ja schon lange, dass in Kolumbien vieles nicht so ist, wie es scheint. Trotzdem hatte ich bisher kein schlechtes Gefühl, wenn ich einen Polizisten oder einen anderen Vertreter des Staates gesehen habe. Das hat sich heute geändert. Ich musste einer Aufräumaktion des „Espacio Publico“ beiwohnen.

Verzweifelt hält der Mann in dem weißen Shirt seine kleine Vitrine fest. Schon seit ich hier angekommen bin, verkauft er vor einer Tienda Empanadas und andere frittierte Leckereien. Bis heute Abend. Vor seinem Stand halten zwei Trucks, voll besetzt mit Polizisten und grün bejackten Angestellten der Stadtverwaltung. Sie umringen ihn und versuchen seine Habseligkeiten auf der Truck zu laden. Auf den grünen Westen steht „Espacio Publico“ und darunter das freundliche Zeichen des Bürgermeisters von Baranquilla. Gehetzt blickt der mittelalte Kolumbianer um sich, doch nur sein Kollege eilt ihm zur Hilfe. Ein Gezerre beginnt, dass die beiden nur verlieren können. Doch plötzlich artet der Tumult aus und eine ganze Horde Polizisten greift ein. Der Mann hat sein kleines Messer in der Hand und fuchtelt damit wie wild umher, bis er von den Polizisten überwältigt wird.

Sicher, der Stand des Kolumbianers war wohl nicht legal, doch wer meinen letzten Beitrag über soziale Ungerechtigkeit in Kolumbien gelesen hat weiß, dass viele hier auf der Straße arbeiten müssen. So überleben sie. Es scheint, als lägen auch die Sympathien der meisten Baranquilleros bei den Verkäufern. Fast eine halbe Stunde habe ich den Konvoi vor der Vorfall verfolgt und immer wieder kamen aus der Menge wüste Beschimpfungen. Eine Frau direkt neben mir schrie aus voller Kehle „Ladrones“, also Diebe. Danach klatschte sie zynisch in die Hände und drehte sich resigniert um.

Als der Konvoi sich nach dem Vorfall mit dem Empanadaverkäufer wieder in Bewegung setzt, fliegen ihm Flaschen, Früchte und allerlei Müll hinterher. Aus beiden Wägen antworten die Polizisten mit Farbgeschossen. Sie feuern wahllos in die Menge und direkt neben mir, wird ein Kolumbianer am Rücken getroffen. Wer schon mal eine Paintball abbekommen hat, weiß wie schmerzhaft das ist.

Ich gehe dem Konvoi weiter hinterher, denn er fährt sowieso in meine Richtung. Direkt bei meinem Haus beginnt der nächste Tumult. Ich versuche unauffällig zu fotografieren, wie sich die „Aufräumer“ aus dem Restaurant direkt unter meinem Zimmer Plastikstühle holen und sie auf die Ladeflächen werfen. Danach schnappen sie sich den kleinen, mobilen Arepagrill, der auch schon seit mehreren Monaten vor dem Restaurant in Betrieb ist. Der Besitzer, ein älterer Herr, den ich schon öfter gesehen habe, greift nach dem Grill und versucht ihn festzuhalten. Auch mein Nachtwächter Marco packt mit an, wird aber von einem Paintball getroffen. Kurz darauf sinkt der ältere Herr zusammen. Der Tritt eines Polizisten hat eine alte Verletzung getroffen.

Nicht nur ich bin schockiert, auch meine kolumbianischen Nachbarn wissen nicht was los ist. „So etwas gab es hier noch nie“, meint Marco. Der ältere Besitzer des Restaurants musste in die Klinik eingeliefert werden. Wie schwer die neuen Verletzungen sind, kann man bisher nicht sagen. Einen Lichtblick gibt es allerdings: Auf einem meiner verwackelten Bilder hat er den Polizisten wieder erkannt, der ihn getreten hat. Er will Anzeige erstatten.

Das Video zeigt den Vorfall, der hier als erstes beschrieben wurde.

 

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