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Lesestunde: Que Du Luu – „Im Jahr des Affen“

Die Rezessionen von Que Du Luus Coming of Age Roman „Im Jahr des Affen“ über eine junge Chinesin, die in Deutschland aufwächst, schlagen durchweg einen sehr positiven Tonfall an. Das kann ich nicht verstehen.

„Mini ist eine Banane – außen gelb und innen weiß.“ Das ist der erste Satz des Klappentextes auf Que Du Luus Coming of Age-Roman „Im Jahr des Affen.“ Die Aussage ist weniger geistreich, als man glaubt. Mini ist die Hauptfigur in dem Roman, der einem mehr über Restaurantalltag und chinesisches Essen erzählt, als über die Probleme, die ein chinesisch stämmiges Mädchen wie Mini im Deutschland des Jahres 1992, so haben könnte.

Worum geht es?

Doch von Anfang an. Als Mini noch ganz klein ist, flieht ihr Vater Thien mit ihr aus dem Vietnam. Während der blutigen Machtergreifung der Kommunisten mussten viele Chinesen das Land verlassen. Sie flohen in alle Teile der Welt. Auf Umwegen ist Thien mit seiner Tochter schließlich in Deutschland gelandet und hat jetzt ein chinesisches Restaurant. Autobiographische Parallelen sieht man hier sofort. Auch die Autorin musste mit ihrem Vater aus dem Südvietnam fliehen und wuchs anschließend in Bielefeld auf. Ihr Vater hatte in dieser Zeit ein chinesisches Restaurant. Ich will deshalb weder dem Roman seine Authentizität, noch der Geschichte ihre Tragik absprechen, trotzdem war ich nicht überzeugt.

Als Minis Vater schließlich erkrankt, muss sie das Restaurant übernehmen. Die Arbeit steht ihrer jungen Liebe zu Bela im Weg, denn aus irgendeinem Grund schämt sie sich dafür. Außerdem muss sie sich mit dem störrischen Koch des Restaurants herumschlagen, der nur das nötigste arbeitet und ihren Vater irgendwie in der Hand hat. Wie und warum erfährt der Leser erst spät. Zu allem Überfluss kommt auch noch Onkel Wu, ein australischer Chinese, zu Besuch. Ständig hält er Mini vor eine „Gwai Lu“, also ein Weiße, zu sein und nicht chinesisch genug. Soweit die Ausgangssituation.

Lob im Klappentext – und was ich davon halte

Ebenfalls im Klappentext steht: „Politisch, klug, unterhaltsam: Der ungewöhnliche Roman erzählt von der Tragik des Andersseins, der Suche nach Heimat – und der Suche nach Glück.“ Von Vorne aufgedröselt: Wie politisch ist der Roman? Leider nicht sehr. Aktuell ein Buch über ein Flüchtlingskind, dass sich nicht wirklich zugehörig fühlt, zu schreiben. Ist gut und richtig. Außerdem wissen nur die Wenigsten über die Tragik der aus dem Vietnam vertriebenen Chinesen, in den 80ern und 90ern Bescheid. Ich persönlich hatte keine Ahnung. Leider hat man beim Lesen der Geschichte das Gefühl, nur an der Oberfläche einer viel interessanteren, tragischeren und spannenderen Story zu kratzen. Bei fast 300 Seiten werden nur unter zehn dieser Thematik gewidmet. Hier hätte man deutlich tiefer gehen können, vor allem, da jede Einzelne Figur in der Geschichte ein ähnliches Schicksal erleiden musste.

Ist der Roman klug? Naja, von der Bananenanalogie im Klappentext kann man halten, was man will. Persönlich finde ich sie ziemlich daneben, denn man ist nicht in seinem inneren gelb oder weiß, chinesisch oder westlich, normal oder anders. Diese Kategorisierung werde ich später noch einmal aufgreifen. Auch der Titel des Buches ist weniger klug, als man meint. Der „Affe“ steht für Veränderung und Bewegung. „Im Jahr des Affen“ verändert sich aber nicht wirklich viel. Ein eingespielter Trott wird kurz unterbrochen und die einzige Veränderung ist, dass das Restaurant ab jetzt einen Ruhetag hat und früher schließt. Außerdem schickt Onkel Wu das Geld für zwei Wächterlöwen.

Ist der Roman unterhaltsam? Der Roman ist leicht zu lesen, so viel ist sicher. Das liegt aber vor allem daran, dass ganze Passagen aus reiner Parataxe bestehen. Nebensätze sind selten. In der Sprache steckt kaum Raffinesse und manchmal muss man Stellen zweimal lesen, nur um nachvollziehen zu können, warum sie sich so holprig angefühlt haben. Beschreibungen sind detailliert, aber durch wenig aussagekräftige Adjektive und den unspektakulären Satzbau wirken sie langweilig. Literarisch ist „Im Jahr des Affen“ also definitiv keine Meisterleistung.

Anderssein oder Jugendlich sein?

„Anderssein“ ist eines der Schlüsselmotive des Romans. „Im Jahr des Affen“ stellt Chinesen wie das exotischste dar, das man finden kann. Kleine sprachliche Details, wie die Tatsache, dass sich Chinesen fragen „hast du heute schon Reis gegessen“, anstatt „Guten Tag“ oder Ähnliches zu sagen, sind interessant und machen Spaß. Wenn Onkel Wu aber ein Schnitzel zum Frühstück essen möchte und einige Deutsche Spießbürger komisch gucken, woraufhin Mini im Boden versinken möchte, wirkt das auf mich erzwungen. Deutschland ist mittlerweile ein wunderbarer Meltingpot, in dem, wenigstens in meinen Augen, jeder irgendwie willkommen sein sollte. Was mich vor allem stört, ist, dass auch Mini einem immer wieder das Gefühl vermittelt, das Chinesen sehr komisch und anders sind.

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was mich hier wirklich stört: Mini schämt sich für ihre Verwandten. Soweit nicht ungewöhnlich, denn das hat wohl jeder Jugendliche schon einmal erlebt. Dafür müssen Vater und Onkel aber keine Chinesen sein. Es hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, wenn sie sich für ihre Herkunft oder ihre Familienangehörige schämt. Gleichzeitig greift sie sich nämlich auch „Das Beste aus zwei Welten“, wenn es um die Dinge geht, die ihr an der chinesischen Kultur gefallen.

Als Fazit könnte man sagen, dass der Hinweis auf die tragischen Schicksale der aus dem Vietnam fliehenden Chinesen, die auch als „Boatpeople“ bekannt waren, sicherlich gut ist. Dieser Teil des Romans hätte deutlich ausführlicher sein dürfen. Dagegen wirkt die Geschichte der chinesischen Außenseiterin irgendwie gestelzt und an manchen Stellen unangemessen. Es ist schwierig sich wirklich mit den Charakteren und Figuren einzulassen. Viele Konflikte sind nicht nachvollziehbar und Minis Verhalten an einigen Stellen einfach nur daneben. Jetzt am Ende des Textes fällt mir auf, dass er gar nicht auf die Liebesgeschichte „Mini+Bela“ eingeht, das liegt wohl daran, dass sie absolut trivial ist.

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