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Reinhard Erös und die Kinderhilfe Afghanistan

Dr. Reinhard Erös hat eine der ungewöhnlichsten Organisationen Deutschlands ins Leben gerufen. Zusammen mit seiner Familie leitet der ehemalige Bundeswehrarzt und mittlerweile hoch angesehene Experte die „Kinderhilfe Afghanistan.“ Am Mittwoch Abend war er in der Universität Augsburg zu Besuch. Sein Vortrag war mehr Weckruf, als Infoveranstaltung.

“Was seid ihr eigentlich alle für politische Lahmärsche?“ Provozierend schaut Dr. Reinhard Erös in sein Publikum. Knapp 70 Leute sind der Einladung des BASS und der Fachschaft SoWiSo gefolgt, davon wahrscheinlich gut zwei Drittel Studierende an der Universität Augsburg. Sie alle hängen an den Lippen des ehemaligen Bundeswehr Arztes, der gerade versucht, sie auf seine ganz eigene Weise zum Nachdenken an zu regen. Eigentlich ist er gekommen, um von seiner Arbeit und seiner Hilfsorganisation „Kinderhilfe Afghanistan“ zu erzählen, doch sein Vortrag kommt eher einem Weckruf gleich. Von Anfang an ging es dem Afghanistan Experten nicht nur darum, seine NGO vorzustellen, er will zum Nachdenken anregen und schafft das auch. Die Studenten und Studentinnen im Raum schauen betreten zu Boden oder einfach irgendwo anders hin. Sie alle halten sich mit Sicherheit für politisch interessiert, doch Erös zwingt sie dazu, kurz zu reflektieren, wie oder ob sie sich in den letzten Jahren überhaupt politisch engagiert haben.

Reinhard Erös kommt aus einer Generation, in der sich noch erbittert im AudiMax über aktuelle politische Themen gestritten wurde, in der die verschiedensten studentischen Vereinigungen gegen den Vietnam Krieg auf der Straße waren und Protestbewegungen zuweilen auch extreme Züge annahmen. Der Afghanistan Experte sieht in dem Krieg am Hindukusch ein Thema, gegen das sich seine Generation noch vehement gewehrt hätte. Nach dem 11. September wurden in Afghanistan knapp 1000 Milliarden Dollar im sogenannten „Krieg gegen den Terror“ verbrannt. Auf der Jagd nach einem Mann, dessen Name laut Umfragen mittlerweile bekannter ist als der von Jesus Christus, nahmen die westlichen Nationen keine Rücksicht auf die einfache Bevölkerung. Mittlerweile ist Saddam Hussein tot. Lange litt der Staat unter dem Einsatz der NATO, bis 22 gut ausgebildete Navy Seals den Drahtzieher der Anschläge auf das World Trade Center erschossen. „Das wäre auch vor 12 Jahren kein Problem gewesen“, meint Erös. In seiner Stimme schwingt eine Mischung aus Wut und Resignation mit.

Zusätzlich zu den militärischen Milliarden zahlte das westliche Bündnis ungefähr 55 Milliarden Dollar für Entwicklungshilfe in Afghanistan. Allerdings kam von diesem Geld nur ein Bruchteil bei der Bevölkerung an. Vieles blieb in den offenen Händen der Afghanischen Oberschicht hängen, wurde so schnell wie möglich in anderen arabischen Ländern angelegt und ein Großteil verfing sich in den extrem korrupten Strukturen der afghanischen Gesellschaft. Erös zitiert einen Journalisten, der staatliche Entwicklungshilfe so beschreibt: „Geld von den Armen in den reichen Ländern, für die Reichen in den armen Ländern.“

Doch warum hilft Dr. Reinhard Erös mit der „Kinderhilfe Afghanistan“ in einem Land, in dem die Nato so aktiv ist, wie in sonst keinem? Wie schafft er es, in dem maroden System zu arbeiten und tatsächlich etwas zu erreichen? Das sind die eigentlichen Fragen, die er in seinem Vortrag beantworten will. Afghanistan geht es, trotz 12 Jahren Einsatz der Nato, noch immer schlecht. Hamid Karzai, der ehemalige Präsident verurteilte den Westen 2013 mit den Worten: „Der ISAF – Einsatz hat meinem Volk viel Leid und keine Vorteile gebracht. Die ausländischen Soldaten haben den Tod vieler unschuldiger Afghanen verschuldet. Das Land ist nach 12 Jahren nicht sicherer geworden.“ Diese Aussage hat nichts mit Undankbarkeit oder Abneigung gegen den Westen zu tun. Es gibt leider keine gesicherten Zahlen, die belegen, wie viele Afghanen dem „Krieg gegen den Terror“ zum Opfer gefallen sind, allerdings geht man von Kollateralschäden irgendwo zwischen 100.000 und 200.000 Menschen aus. Nur eine Zahl ist gesichert: Im Jahr 2010 starben 346 Kinder, über die Hälfte davon wurden von westlichen Bomben getötet. Erös hat Fakten mitgebracht, die auf erschreckende Weise belegen, dass Afghanistan noch immer am Minimum lebt. Auf der Skala des „Human Development Index“ liegt der Staat am Hindukusch auf einem der letzten Plätze. Nicht einmal 13 Prozent der Afghanen haben Zugang zu sauberem Trinkwasser und nur 32 Prozent können es sich leisten, klinisch versorgt zu werden. Auch zum Stichwort Bildung hat der ehemalige Bundeswehrarzt einige Zahlen dabei. Während die westliche Politik betont, dass die Zahl der Jungen und Mädchen, die zur Schule gehen, gestiegen ist, entgegnet die „Kinderhilfe Afghanistan“, dass prozentual gesehen immer weniger Kinder Zugang zu Bildung haben. Trotzdem wird der deutschen Bevölkerung der Einsatz noch immer als Erfolg verkauft.

Dr. Reinhard Erös hilft aus einem ganz bestimmten Grund in Afghanistan: „Weil ich es kann.“ Schon in den 80er Jahren war er als einer von wenigen westlichen Ärzten in der Gegend tätig. Unter Lebensgefahr musste er damals illegal in das Land einreisen, denn die russischen Besatzer hatten jegliche humanitäre Hilfe verboten. Damals fielen 8 von 10 Afghanen dem Krieg zum Opfer. Schon fast zynisch betont Erös: „Ich war dann halt der Elfte.“ Ohne seine langjährige Erfahrung im Dienst der Bundeswehr und eine ordentliche Portion Glück hätte er seinen Einsatz wohl nicht überlebt. Damals praktizierte er als Arzt unter widrigsten Umständen. Er musste versteckt arbeiten, in Höhlen oder anderen Unterschlüpfen behandelte er Kriegsverletzungen und Krankheiten so gut er konnte und rettete einigen Afghanen das Leben.

Deshalb kann er sich heute in Afghanistan auch frei und gefahrlos bewegen. Viele der religiösen und politischen Führer erinnern sich noch an den Arzt aus Deutschland, der ihnen oder einem ihrer Verwandten damals das Leben gerettet hat. Sie zollen ihm Respekt und kommen mit Projekten auf ihn zu. Als Freund des afghanischen Volkes muss er sich nicht mit Korruption und anderen Problemen herumschlagen. Jeder gespendete Cent, den er meistens bar nach Afghanistan bringt, kommt auch in einem der Vorhaben an. Auch auf Schutz verzichtet der Deutsche. Viele Afghanen wissen, wie er arbeitet, sie bewundern ihn dafür, dass er in einem Holzhaus lebt, einen Skoda fährt und trotzdem immer wieder viel Geld und viel Zeit in die Hand nimmt, um ihnen zu helfen. Er selbst sagt: „Warum sollte sie mir etwas tun?“ Wahrscheinlich ist die „Kinderhilfe Afghanistan“ gerade deshalb so erfolgreich als NGO.

Doch was genau macht die Organisation? Die Familie Erös und ihre Mitarbeiter haben sich vor allem einem Ideal verschrieben: Der Bildung. Es gibt Studien, die belegen, dass ein so maroder Staat wie Afghanistan vor allem durch die Bildung von Frauen wieder auf die Beine kommen kann. Deshalb hat die „Kinderhilfe Afghanistan“ mittlerweile schon 29 Schulen in 5 Provinzen gebaut und beschäftigt 1400 Lehrer. Außerdem eröffnete Dr. Reinhard Erös erst kürzlich die erste von Deutschen gebaute Universität in Afghanistan. Stolz präsentiert er in seinem Vortrag Bilder von der Einschreibung. In der kargen Landschaft Afghanistans sitzen unzählige junge Menschen vor einem nagelneuen Gebäude und schreiben sich für ein Studium ein. So sieht der Erfolg einer NGO aus, auch wenn Reinhard Erös diesen Begriff im Zusammenhang mit seiner ehrenamtlichen Arbeit nicht zulässt. Auch als Mediziner engagiert sich der Arzt. So hat seine Organisation schon eine Mutter – Kind – Klinik eröffnet und die ersten medizinischen Lehrbücher in die Landessprache Pashtou übersetzt, ein Durchbruch auf dem Gebiet.

Reinhard Erös sprich über 150 Minuten vor seinem Publikum, ohne Honorar oder Vergütung, einzig die Fahrtkosten lässt er sich erstatten. Am Ende des Vortrags gibt es im Publikum nur eine Frage. Warum wehren sich die Taliban nicht gegen das Wirken des NGO? Frauenbildung gehört ja eigentlich nicht zu ihren Idealen. Auch darauf hat der Experte eine klare Antwort. Bevor er ein Projekt verwirklicht, holt er grundsätzlich die Zustimmung der „Religiösen“ ein. Er will auf keinen Fall, dass die Spenden aus Deutschland in einem Feuer vernichtet werden, oder gar seine afghanischen Mitarbeiter in Gefahr geraten. Einige Projekte musste er aus diesem Grund leider absagen. Grundsätzlich hält sich Erös bei seinen Vorhaben immer an Lawrence von Arabien: „Es ist besser, sie die Dinge auf ihre Art unperfekt machen zu lassen, als es selbst perfekt zu machen. Denn es ist ihr Land und ihr Krieg. Deine Zeit dort ist kurz.“ (Frei übertragen aus dem Englischen)

Wer sich für die Geschichte von Dr. Reinhard Erös und der Kinderhilfe Afghanistan interessiert, sollte mal einen Blick auf die Homepage der NGO werfen. Außerdem hat Erös zwei Bücher geschrieben: “Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen” und “Tee mit dem Teufel” erzählen die Geschichte seiner Organistation und von seiner Zeit als Militärarzt in Afghanistan.

Der Artikel erschien ursprünglich im studentischen Online Magazin „Das Skript“.

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