Reise – Impressionen: Serbien Teil 1

Als dieser Artikel entstand war Serbien vor allem wegen einer Katastrophe in den Nachrichten: die Jahrhundert – Flut, die das Hab und Gut vieler Bewohner des Staates vernichtet und einige Menschenleben gekostet hat. Doch was genau wissen wir Deutschen über das Land, das keine Touristen anzieht, über die Nation, die sich noch vor 15 Jahren im Krieg befand? Der Autor dieses Textes war kurz vor der Katastrophe in Serbien und durfte eine beeindruckende Kultur kennen lernen.

Donnerstag der 8. Mai 2014. Grün – braune Schlieren fliegen an unserem Zug vorbei, alle sind müde, können kaum die Augen offen halten. Die Landschaft wird zum verschwommenen Panorama einer langen Reise. Eigentlich interessant, wie anders es sich anfühlt, im Zug zu reisen. Normalerweise steigt man zuhause in ein Flugzeug und fliegt in zwei Stunden viele hundert Kilometer in eine andere Gegend, umgeben von einer anderen Kultur. Ein Schock für viele Reisende, allerdings kann man sich an alles gewöhnen. Im Zug läuft das anders. Man bekommt ein Gefühl für die Distanz, die man überwindet, und auch wenn sich die Landschaft draußen nur in Nuancen verändert, sind es doch die Details, die uns klar machen: Wir sind weit weg von daheim.

Ich bin bestimmt nicht alleine mit dem fast betäubenden Gefühl der Reise. So viele Eindrücke prasseln schon während der Zugfahrt auf mich ein, dass ich nur schwer damit umgehen kann. Zusammen mit einer Gruppe aus meiner ehemaligen Schule bin ich auf dem Weg in ein Land, von dem ich im Vorfeld absolut nichts wusste, in eine Region, die mir gänzlich unbekannt ist. Neun Schüler, drei Studenten und ein Lehrer des Augsburger Gymnasiums bei Sankt Anna nehmen die lange Reise nach Serbien auf sich. Bewusst habe ich mich im Vorfeld nicht über Land und Leute informiert. Unvoreingenommen wollte ich ankommen und meine eigenen Erfahrungen machen, nicht die aus einem Reiseführer nachempfinden. Die Erinnerung an einen grausamen Krieg in der Region schlummert irgendwo in meinem Unterbewusstsein, doch ich weiß viel zu wenig, als dass ich mir wirklich Gedanken darüber machen würde. Ich werde merken, wie wenig in meinem Bewusstsein im Grunde präsent ist. Kosovo, Serbien, Jugoslawien, Tito und Milosevic sind für mich nur Namen und Begriffe, die irgendwie wichtig erscheinen, aber in meinem Leben bis jetzt keinen Platz hatten. Eines ist klar: Ich werde es bereuen, mich nicht wenigstens mit der Geschichte des Landes beschäftigt zu haben.

Nach knapp 30 Stunden im Zug, Donnerstag, 22:00 Nachts kommt die Gruppe endlich in Belgrad an. Von der einstigen Hauptstadt Jugoslawiens sehen wir allerdings noch nicht viel. Ein Minibus, der mich sehr an einen türkischen Dolmusch erinnert, bringt die Deutschen an das Ziel ihrer Reise. In den drei Kleinstädten Paraćin, Ćuprija und Jagodina werden sie die kommenden vier Tage verbringen. Mitten in der Nacht nehmen uns unsere serbischen Gastfamilien in Empfang. Die Schüler erkennen ihre Gastgeber, viele schließen sich herzlich in die Arme. Alle sind müde, doch die Serben strahlen trotz allem eine Freude, Energie und Offenheit aus, die alle ansteckt. In den kommenden Tagen werden alle viel erleben, viel sehen und eine ganz neue Welt kennen lernen. Der Abschied wird schwer fallen, allerdings beruhigt der Gedanke, dass man sich in jedem Fall wieder sieht. Auch aus nur vier Tagen in Serbien nehmen alle deutschen Besucher viel mit.

Man hat ein anderes Land erlebt, eines, das sich noch vor 15 Jahren im Krieg befand, in dem die Menschen anders ticken und es mit Sicherheit um einiges schwerer haben als bei uns. Viele Eindrücke kommen wie im Vorbeigehen, und trotzdem sollte man versuchen, die Hintergründe zu verstehen. Das Erste, was allen Gästen auffällt, ist mit Sicherheit die Gastfreundschaft der Serben. Keiner der Deutschen klagte je über Durst oder Hunger, eher waren die ständig nachgefüllten Teller für viele ein Luxus – Problem. Doch das Wort „Nein“ scheint im Sprachgebrauch der Gastfamilien nicht zu existieren. Sogar als die Deutschen mitten in der Nacht ankommen, wird aufgetischt.

Allerdings geht die Gastfreundschaft des Volkes über die bei uns zuhause hinaus. Nur Wenige unter den Gästen haben es geschafft, je selbst für ihre Getränke oder ihr Essen zu bezahlen. Diese Erfahrung war für die meisten Deutschen mehr als beeindruckend und an manchen Stellen ungewohnt. Doch Protest ist zwecklos. Zu Anfang wehrte sich jeder noch lautstark, doch keine Chance. Bei mir beschränkte es sich irgendwann auf die Frage: „Macht es Sinn zu sagen, dass ich gerne selbst zahlen würde?“ Man sollte allerdings auf keinen Fall undankbar sein. Es scheint, als würden die Gepflogenheiten und die Kultur des Volkes einen derartigen Umgang mit Gästen vorschreiben. Bedenkt man die schwierige wirtschaftliche Lage, in der sich die Nation im Moment befindet, verdient diese Verhalten einfach nur höchsten Respekt. Daten des serbischen statistischen Amtes zufolge verdiente der durchschnittliche Angestellte im März 2014 nur knapp 60.000 Dinar (etwa 500 €). Nach Abzügen reduziert es sich auf einen Betrag unter „Minijob“ – Niveau. Das Problem: Die Preise in Serbien gleichen sich immer weiter an europäische Standards an. Hygieneartikel kosten im Vergleich ein Vielfaches, und auch Lebensmittel sind nicht billig. Das ist ein Problem, denn die Bevölkerung des Landes gibt knapp 30% des zur Verfügung stehenden Geldes für Nahrung aus. Zum Vergleich: In Deutschland waren es 2011 nicht einmal 12%.

Es ist offensichtlich, dass einige Serben sehr nostalgisch an die Zeit vor dem Krieg zurückdenken. So erklärt mir Lehrerin Tanja im Auto zwischen Ćuprija und Paraćin zum Beispiel: „Einst war das hier eine hoch industrialisierte Region.“ Ich blicke aus dem Fenster. „Doch jetzt ist alles kaputt“, wirft sie ein, während mehr oder weniger verfallene Fabrik – Ruinen an uns vorbeifliegen. Halb ironisch fügt sie hinzu: „Jetzt sind die Leute entweder Lehrer, oder sie leben von der Landwirtschaft.“ So ganz stimmt das natürlich nicht, doch man versteht, was sie meint. Auch mit Deutschlehrerin Mirjana führe ich an einem der anderen Tage ein ähnliches Gespräch. Wir fahren an einer riesigen Bushaltestelle vorbei. Platz für mindestens 40 Linien und Fernbusse, nur ein Katzensprung zur Autobahn. „Beste Lage“ wie auch die Deutsch-Serbin bemerkt. Allerdings wirkt die Station mehr oder weniger verlassen, der Putz bröckelt von den Mauern und Überdachungen der Steige. Nur zwei Busse warten auf Fahrgäste, von denen allerdings weit und breit nichts zu sehen ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg und zu Beginn des jugoslawischen Sozialismus ging es in Serbien steil bergauf. Die Ära Titos hatte mit Sicherheit ihre Schattenseiten, und doch blickt auch so mancher DDR – Bürger mit einem weinenden Auge zurück auf das sozialistische Wirtschaftssystem, dass Vielen so sehr widerstrebt.

Ursprünglich erschienen im Online Magazin „Das Skript“

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