Reise – Impressionen: Serbien Teil 2

Achtung: Hier gehts zum ersten Teil.

Doch wer war eigentlich dieser Mann, der für die Blüte des Staates mit verantwortlich war und der für viele Serben eine Art Volksheld ist? Vor meinem Aufenthalt in in dem Land wusste ich nicht viel über die Geschichte des Landes, über Jugoslawien an sich und vor allem darüber, was die slawischen Staaten im Laufe der Jahre geprägt hat. Der am 17. Mai 1892 geborene Josip Broz Tito war mit Sicherheit einer der Menschen, die in der Geschichte der Region eine bedeutende Rolle spielten. Schon mit 18 Jahren ging er in die Politik. Damals hätte wohl noch niemand vermutet, dass der junge Josip 25 Jahre später Ministerpräsident werden sollte. Doch Tito war nicht nur Politiker, sondern auch sozialistischer Aktivist, Untergrundkämpfer und einer der Wenigen, die sich dem Vormarsch der Wehrmacht im zweiten Weltkrieg erfolgreich entgegenstellten. Außerdem prägte er die Begriffe „Blockfreiheit“ und „friedliche Koexistenz“ und bot Stalin persönlich die politische Stirn. Er ist also nicht nur eine der großen Persönlichkeiten des zweiten Weltkrieges, sondern schaffte es auch, während der Spannungen des kalten Krieges die Ruhe zu bewahren. In seiner Heimat ist Tito „das verehrte Symbol der Einheit“, wie eine Historikerin schon 1972 schreibt. Seine Person verkörpert den jugoslawischen Staat mitsamt all seiner Ideale und seiner Ideen. Josip Broz Tito brachten in den Augen vieler Serben „Wohlstand für die Region und Frieden für den Balkan“. Es ist also kein Wunder, dass viele noch immer nostalgisch auf die Zeit seines Regimes zurückblicken.

Josip Broz Tito stirbt am 4. Mai 1980 an einer schweren Thrombose, doch der Mythos lebt weiter. Nicht nur in den Köpfen von Intellektuellen, Sozialisten oder der Generation, die sein Regime erlebt hat, ist er präsent – auch heute ziert sein Bildnis noch Fahnen, T-Shirts und Tassen in den Souvenirgeschäften Belgrads. Noch lange sollte Jugoslawien um seine Vater trauern. Nach Titos Tod verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum dramatisch, die Lebenshaltungskosten legen um das 9 – fache zu und die Arbeitslosigkeit steigt rapide an. „Ein großer Teil der Bevölkerung wird in die Armut abgedrängt“, wie Sumdhaussen in seinem Überblick zu serbischen Geschichte schreibt.

Nach seinem Tod wurde aus der Ikone schnell ein Feindbild. Die politische Stimmung in Serbien und den anderen Staaten innerhalb Jugoslawiens schlug um. Josip war kein Held mehr, sondern wurde politisch zum Unterdrücker des Volkes stilisiert.

Slobodan Milošević – Das Ende Jugoslawiens

In den 1970er Jahren betrat eine weitere wichtige Persönlichkeit die politische Bühne Serbiens: Slobodan Milošević. Schnell erklomm er die Karriereleiter in Titos Partei und wurde im Jahre 1986 zum Parteichef gewählt. Bis dahin musste der junge Mann allerdings schon einige schwere Schicksalsschläge hinnehmen. Als er 21 Jahre alt war, im Jahr 1962, ging sein Vater, freiwillig in den Tod. Slobodans Mutter folgte ihrem Mann 11 Jahre später. Vor allem ihr Freitod scheint die psychische Verfassung des späteren Machthabers geprägt zu haben. Schon kurz nach seiner Wahl zum Parteichef wurden erste Stimmen laut, die prophezeiten: „Die Geschichte wird uns diese Wahl niemals Verzeihen…Milošević wird alles zerstören.“ Viele hofften auf bessere Zeiten, vielleicht sogar auf einen zweiten Tito. Doch der psychisch tief getroffene Slobodan schaffte es nicht, in die Fußstapfen seines Vorgängers zu treten. Zwar wurde er von den Serben zum „Retter“ der Nation stilisiert, doch er badete nur in der Bewunderung und der Aufmerksamkeit der Bevölkerung. Milošević wollte sich der sogenannten serbischen Frage nach Benachteiligung des Volkes innerhalb der Föderation annehmen. Allerdings war der Parteichef keineswegs Begründer dieser serbisch – nationalen Bewegung, sondern sprang als Anführer auf einen fahrenden Zug auf. Viele Biografien beschreiben Slobodan Milošević als gefühllos, zynisch und Macht – orientiert.

Unter Milošević zerfiel Jugoslawien in seine Bestandteile. Schon bald nach Titos Tod fingen slowenische und kroatische Spitzenpolitiker an zu verbreiten, Jugoslawien sei tot. Sie propagierten das Ende des sozialistischen Staates und hatten Erfolg: Sowohl Kroatien als auch Slowenien erklärten am 25. Mai 1991 ihre Unabhängigkeit. Der Machthaber wehrte sich. Vielleicht spürte Slobodan Milošević, dass der Verlust der beiden Staaten, den Zerfall seines Jugoslawiens einleiten sollte. Er schickte Panzerverbände, die in Slowenien allerdings schnell am gut organisierten Widerstand scheiterten. In Kroatien war die Situation ungleich komplizierter. Die Serben stellten in der nun unabhängigen Republik knapp 12 % der Bevölkerung und Milošević verstand sich als Schutzherr eben dieses Volkes. Seine Antwort war Krieg. Er selbst wollte aber nicht mit den Konflikten in Verbindung gebracht werden, also finanzierte er nicht nur die Bundesarmee, sondern auch die berüchtigten „Tigers“ und „Tschetniks“. Vor allem diese Gruppierungen sollen für einige grausame Verbrechen verantwortlich sein. Einige ihrer Führer mussten sich nach den Kriegen in Kroatien und später Bosnien vor dem internationalen Strafgerichtshof verantworten.

International kippte die Stimmung schnell gegen Milošević. Für den Rest Europas war er nicht der Beschützer der serbischen Bevölkerung, sondern ein grausamer Tyrann. Nachdem in den Medien Bilder von Massakern und brennenden Städten gezeigt wurden, war schnell klar: Slobodan findet im Westen keinen Unterstützer mehr. Die Situation eskalierte, als Bosnien – Herzegowina die Gunst der Stunden nutzen wollte und sich von Jugoslawien lossagte. Schon 1992 wurde der Staat von den USA und der europäischen Union anerkannt. Im Sommer des selben Jahres brannte Bosnien. Schreckliche Bilder aus Gefangenenlagern wie Omarska, Keraterm und Manjaca gingen um die Welt, serbische Scharfschützen schossen auf wehrlose Zivilisten in den Bergen um Sarajevo. Bis 1995 töteten und vertrieben serbische Bosnier viele Tausend Menschen aus nationalistischen Beweggründen und Slobodan Milošević unternahm nichts. Auch Menschen, die sich in die UN Schutzzone um die Stadt Sebrenica zurück gezogen hatten, vielen der Gewalt zum Opfer.

Den Rückhalt in der serbischen Bevölkerung hatte Slobodan Milošević zu diesem Zeitpunkt schon lange verspielt. Immer mehr Leute gingen gegen den serbischen Machthaber auf die Straße und forderten das Ende seiner Regentschaft. Doch der Schutzherr des serbischen Volkes begann scharf zu schießen. Viele Studenten riskierte bei Protesten in Belgrad ihr Leben. Unter ihnen anscheinend auch einige unserer Gastgeber.

Der Friedensvertrag von Dayton beendet den Krieg in Bosnien, schafft es aber nicht, die Aggressionen endgültig zu beenden. Milošević wehrte sich vehement gegen die Stationierung von NATO – Soldaten in den betroffenen Gebieten und provozierte somit den Luftangriff. Im Jahr 1999 brannte Serbien. Kasernen und Militärstützpunkte werden bombardiert und zum Teil komplett vernichtet. Viele, zum Teil unfreiwillig eingezogene, Soldaten fallen den westlichen Bomben zum Opfer.

Mahnmal in Ćuprija

Auch die Austauschteilnehmer bekommen das Ausmaß der Zerstörung zu Gesicht. Unsere Gastgeber zeigen uns die ehemalige Kaserne in Cuprija. Das riesige Gebäude steht fast wie ein Mahnmal nicht weit vom Zentrum des Ortes. Die Dachstühle sind komplett ausgebrannt, wie Zähne ragen die Reste des Mauerwerks im obersten Stockwerk in den Himmel. Sie wirken wie merkwürdig deformierte Gerippe. Es ist ein Anblick, den keiner der deutschen Schüler so je wirklich zu Gesicht bekommen hat. Zwar kennt jeder die Fotos von dem ausgebrannten Zentrum Augsburgs, aber der zweite Weltkrieg ist über 70 Jahre her und die Erinnerung verblasst langsam aber sicher in den Köpfen unserer Großeltern. In Serbien fühlt sich die Zerstörung viel realer an. Den meisten Deutschen wird erst langsam klar, dass die allermeisten unserer Gastgeber, den Angriff auf die Kaserne in Cuprija miterlebt haben. Nur zaghaft traue ich mich nachzufragen, ob sie noch Erinnerungen haben. Ich bekomme überraschende Antworten. Obwohl viele damals erst fünf oder noch um einiges jünger waren, erzählen sie mir, wie schrecklich es war, die Einschläge zu hören und wie viel Angst sie um Freunde und Familienmitglieder hatten.

Nur langsam wird uns klar, dass auch Deutschland am dem Angriff, dessen Überreste wir hier bewundern dürfen, beteiligt war. Umso beeindruckender ist es, dass wir in Serbien keinerlei Anfeindung erlebt haben. Während manch andere Nation bei Gästen aus unserem Land noch immer an Nazi – Deutschland denken muss, scheinen die Serben von unserem Besuch beeindruckt zu sein. Die Gruppe wird sogar offiziell von einem Vertreter der Stadt ins Rathaus eingeladen. Wie eine kleine Attraktion kommen sich die Schüler aus Deutschland vor, als sie dort nicht nur der Politiker, sonder auch die lokale Presse mitsamt Kamerateam und Fotografen erwartet.

Ein schwerer Abschied

Die Abreise aus Serbien ist hart. Es wird viel geweint, die Teenager liegen sich in den Armen und auch Lehrer und Studenten ringen um Fassung. Obwohl wir nur weniger als eine Woche mit unseren Gastgebern verbringen durften, sind bleibende Freundschaften entstanden und keiner will wirklich nach Hause. Der einzige tröstende Gedanke ist, dass auch die Austauschteilnehmer aus Serbien nur wenig später Augsburg besuchen werden. Alle nehmen bleibende Eindrücke von einer Reise mit, die mit nichts zu vergleichen ist, was man im allgemeinen als „Urlaub“ bezeichnet. Tief beeindruckt und mit erweitertem Horizont machen wir uns auf den langen Heimweg. Keiner wird diese Reise je vergessen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.