Trainkids – Dirk Reinhardt

Mit „Trainkids“ hat der Journalist Dirk Reinhardt ein Buch geschrieben, das gleichzeitig beeindruckt, schockiert und ein hochaktuelles Problem thematisiert.

Vor knapp 10 Jahren hat Miguels Mutter beschlossen, ihn und seine Schwester zu verlassen. Sie hat genug von der Armut, in der sie ihre Kinder in Guatemala großziehen muss und hofft auf ein besseres Leben in den USA. Wie viele vor ihr will sie ihre Kinder so bald wie möglich nachholen, allerdings gestaltet sich das nicht so einfach, wie sie es sich vorgestellt hat. Nur über Briefe hält sie zu ihren Kindern Kontakt, die sich immer verlassener fühlen. Als er alt genug ist, will der junge Protagonist Gewissheit und beschließt seiner Mutter in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu folgen. Eine gefährliche Reise beginnt, die Miguel nur mit viel Glück und den richtigen Freunden überleben kann.

Vielen Familien in Mittelamerika geht es wie der von Miguel. Zuerst gehen die Erwachsenen. Sie hoffen in den Vereinigten Staaten genug Geld verdienen zu können, um ihre Kinder Zuhause aus Elend und Armut zu befreien. Schon bald merken sie allerdings, dass es nicht leicht ist, die Familie in die USA nachzuholen und vertrösten ihre Kinder über Jahre hinweg in Briefen und Telefonaten. Viele fühlen sich dadurch abgeschoben, zurückgelassen und vor allem verlassen und sie beschließen ihren Eltern in das „gelobte“ Land zu folgen. Doch vor allem für Kinder und Jugendliche ist die Reise durch Mexiko und über die Grenze der USA extrem gefährlich. „Wenn wir über den Fluss setzen (…) dann sind wir im Krieg“, so bedrohlich klingt schon der erste Satz in „Train Kids“.

Der Roman ist keine Reportage, die Charaktere sind fiktiv und es hat sie nie gegeben. Doch die Geschichte, die „Train Kids“ erzählt ist für viele Flüchtlinge Realität. Dirk Reinhardt hat sich mit vielen jungen Migranten unterhalten und verarbeitet ihre Geschichten in seinem Buch. Die, die beschließen zu gehen, müssen sich nicht nur mit den korrupten mexikanischen Behörden, sondern auch mit dem organisierten Verbrechen, den „Narcos“ und vielen anderen zwielichtigen Gestalten auseinandersetzen, die aus ihrer verzweifelten Situation Profit schlagen wollen. Nicht nur ihr ganzer Besitz steht auf dem Spiel, sondern vor allem ihr Leben. Fernando, der Anführer der kleinen Gruppe, der sich auch Protagonist Miguel angeschlossen hat, erklärt: „…von hundert Leuten die den Fluss überqueren, packen es gerade mal zehn durch Chiapas, drei bis zur Grenze im Norden und einer schafft´s rüber“.

Was in dem Buch wie die Zusammenschau grausamer Ereignisse klingt, ist traurige Wahrheit für bis zu 300 000 Migranten, die sich Jahr für Jahr auf den gefährlichen Weg machen. Zusätzlich sind laut Reinhardt ständig an die 50 000 „Train Kids“ unterwegs. Sie alle müssen durch die Region Chiapas, die auch „La Bestia“ genannt wird, da es nur wenige unbeschadet schaffen. Wie die erwachsenen Migranten versuchen sie das Land auf Güterzügen zu durchqueren, da die Straßen streng kontrolliert werden. Der Zug heißt auch „el tren de la muerte“, also „Todeszug“. Trotzdem verlassen immer mehr Menschen die armen Regionen Mittelamerikas und viel kostet die Reise das Leben.

Mexiko ist allerdings weltweit nur einer von vielen Brennpunkten. Zwar liegen Arm und Reich nur hier so nah beieinander, trotzdem verlieren auch viele Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern das Leben auf dem Weg nach Europa. Es ist eine Flucht vor ähnlichen Verhältnissen, wie vor denen in Mittelamerika. In der Hoffnung auf ein neues Leben in Europa lassen die Migranten Armut, Elend, Krieg und Unterdrückung hinter sich. Unter ihnen auch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, denen allerdings viel zu oft ein Neuanfang verwehrt wird. Mittlerweile ist aus der sehr lobenswerten Willkommenskultur ja eine „Ankunftskultur“ geworden und immer mehr Politiker beteiligen sich an der Hetze, schüren Ängste und spielen so kleinen Teilen der Gesellschaft in die Hände, die nicht erst seit der Flüchtlingskrise sehr weit nach rechts gerutscht sind. Humanität ist einer unserer zentralen Werte und leider treten große Teile unserer politischen Elite diese gerade mit Füßen.

Bild: <http://epmghispanic.media.lionheartdms.com/img/photos/2011/10/31/AlbergueMigrante2.jpg>